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"Neu Beginnen"

Ihren Namen erhielt die Organisation nach der im Herbst 1933 in der Tschechoslowakei erschienen Programmschrift „Neu Beginnen! Faschismus oder Sozialismus. Als Diskussionsgrundlage der Sozialisten Deutschlands“.

"Neu Beginnen"

Um sich nach außen hin vollständig zu tarnen, verzichtete diese 1929/30 initiierte Gruppierung zunächst sogar auf jedwede Organisationsbezeichnung. Ihre Zielsetzung bestand darin, innerhalb von SPD, KPD, Gewerkschaften und anderen linken Organisationen für den Einheitsfront-Gedanken zu werben. Anfang 1933 zählte sie nur knapp 100 Anhänger reichsweit; später wuchs diese Zahl auf etwa 150 an. Hinzu kam noch ein Kontingent von rund 200 bis 300 Sympathisanten und Informanten an ihrer Peripherie. Während die Bearbeitung des KPD-Apparates aus Sicherheitsgründen bald gestoppt wurde, rückte schließlich verstärkt die Kooperation mit bürgerlich-demokratischen Antinazi-Kreisen ins Blickfeld. Auch zu den Religiösen Sozialisten sowie zu gewerkschaftlichen und sozialdemokratischen Widerstandsstrukturen führten konspirative Verbindungen. Das Verhältnis zur Exil-SPD wurde dagegen wegen des von beiden gleichermaßen erhobenen Führungsanspruches zunehmend spannungsgeladen. Ihren Namen erhielt die Organisation nach der im Herbst 1933 in der Tschechoslowakei erschienen Programmschrift „Neu Beginnen! Faschismus oder Sozialismus. Als Diskussionsgrundlage der Sozialisten Deutschlands“. Diese Publikation wurde unter dem Tarntitel von Arthur Schopenhauers „Über Religion“ in 5.000 Exemplaren nach Deutschland eingeschmuggelt und sorgte weit über den eigenen Strukturzusammenhang hinaus im antinazistischen Untergrund für lebhafte Diskussionen. Ansonsten erteilte „Neu Beginnen“ jedweder Form von antifaschistischer Massenpropaganda eine entschiedene Absage und ging im Übrigen von einer langfristigen Perspektive konspirativer Arbeit aus. Nach der Niederringung des Faschismus sollte zunächst eine bürgerlich-parlamentarische Republik errichtet werden, dies freilich nur als Zwischenschritt hin zur eigentlich angestrebten sozialistischen Republik. Der Stützpunkt in Mannheim/Ludwigshafen stand in unmittelbarer Verbindung mit der Struktur in Frankfurt und Offenbach sowie über die Auslandsleitung in Prag mit der Inlandszentrale in Berlin. Nach der Festnahme des Stützpunktleiters, des in Kaiserslautern geborenen Carl Maria Kiesel, sowie dreier seiner Mitstreiter musste die Arbeit in Mannheim/Ludwigshafen schon Anfang 1934 eingestellt werden. In die im Exil produzierten „Berichte über die Lage in Deutschland“ flossen aber wenigstens noch bis 1936 vereinzelt Meldungen auch aus Koblenz, Mainz, Rheinhessen und der Pfalz ein, möglicherweise ein Resultat der Zusammenarbeit mit der sozialdemokratischen Exilgruppe um Emil Kirschmann. Mitte der 1930er Jahre war die Gesamtstärke der Organisation auf etwa 500 Mitglieder angewachsen. Ein Teil der Gesamtgruppe stellte nach einer heftigen innerorganisatorischen Auseinandersetzung damals die Widerstandsarbeit ein und wich ins Ausland aus, während die Mehrheitsgruppe die konspirative Arbeit trotz mehrerer schwerer Verhaftungsschläge noch eine Weile fortsetzen konnte. Das inzwischen nach Paris verlegte Auslandsbüro von „Neu Beginnen“ stand zumindest bis 1939 mit Strukturresten in Verbindung, u.a. auch in der Pfalz.

Autor: Axel Ulrich

Literatur: Walter Loewenheim: Geschichte der Org [Neu Beginnen] 1929 - 1935. Eine zeitgenössische Analyse. Hrsg. von Jan Foitzik. Berlin 1995