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Widerstand aus dem Bürgertum

Der promovierte Jurist und Landesvorsitzende des Zentrums im Volksstaat Hessen, Fritz Bockius, hatte sich zunächst gegen das „Ermächtigungsgesetz“ ausgesprochen, er unterwarf sich dann aber der Fraktionsdisziplin. Dennoch wurde er bereits 1933 erstmals verhaftet. Im Rahmen der Aktion Gitter wurde er wiederum verhaftet und kam im KZ Mauthausen völlig entkräftet am 5. März 1945 ums Leben. Foto: Gottfried Braun, Schwabenheim

Nach der Machtübernahme Hitlers votierten sämtliche bürgerlichen Parteien am 23. März 1933 im Reichstag für das „Ermächtigungsgesetz“, das die Etablierung der NS-Diktatur faktisch besiegelte. Angesichts des anschließend auch gegen sie gerichteten Nazi-Terrors lösten sie sich bald darauf selbst auf. Vormaligen Mitgliedern und Anhängern bürgerlicher Parteien, die den Nationalsozialismus nach wie vor ablehnten, blieb zunächst allein der Weg in die „innere Emigration“ oder ins Exil. Doch schon bald kam es auch im Bürgertum vereinzelt zur Bildung oppositioneller Freundeskreise, um einen antinazistischen Zusammenhalt zu bewahren und sich auf die Zeit nach dem Ende der Diktatur vorzubereiten. Nicht selten hatten solche bürgerlich geprägten Widerstandsgruppen später zumindest informelle Kontakte zu jenem Kreis aus oppositionellen Militärs und zivilen Vertrauensleuten, der den Staatsstreichversuch vom 20. Juli 1944 plante und durchführte. Im Übrigen beschränkte sich der Widerstand aus dem bürgerlichen Lager eher auf individuellen Protest, passive Ablehnung oder persönliche Verweigerung. Daneben gab es aber auch viele Beispiele der materiellen und ideellen Hilfe für Verfolgte. Insgesamt hatte das Bürgertum einen deutlich geringeren Anteil am deutschen Widerstand als die Organisationen der Arbeiterbewegung. Gleichwohl bestanden bis in die Endphase des Krieges bestimmte bürgerliche Widerstandskerne fort, die sich nach dem Einmarsch der alliierten Truppen unverzüglich an der demokratischen Reorganisation beteiligten.

Autor: Axel Ulrich

Literatur: von Schlabrendorff: Offiziere gegen Hitler; Sassin: Liberale im Widerstand. Die Robinsohn-Strassmann-Gruppe 1934–1942 (Karten: S. 72 u. 144); Nestler: „In einem Namen nur ist Heil!“. Der Widerstand ehemaliger Zentrums- und BVP-Politiker gegen die nationalsozialistische Diktatur in der Pfalz, in: Nestler, Ziegler (Hrsg.): Die Pfalz unterm Hakenkreuz. Eine deutsche Provinz während der nationalsozialistischen Terrorherrschaft; Keim (Hrsg.): Yad Vashem. Die Judenretter aus Deutschland, S. 68 u. S. 115; Straeten: Andere Deutsche unter Hitler. Zeitberichte über Retter vor dem Holocaust, S. 183 u. 185; Wetzel: Hilfe und Solidarität, in: Benz, Pehle (Hrsg.): Lexikon des deutschen Widerstandes, S. 228 ff.; Mommsen: Bürgerlicher (nationalkonservativer) Widerstand, in: Benz, Pehle (Hrsg.): Lexikon des deutschen Widerstandes