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Jüdische Häftlinge im KZ Osthofen

Begleitend zum Themenschwerpunkt „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz präsentiert die Gedenkstätte KZ Osthofen an dieser Stelle von Januar bis Juni 2021 Lebenswege von jüdischen Häftlingen des Konzentrationslagers Osthofen.

Unter den ca. 3.000 Männern, die von März 1933 bis Juli 1934 im KZ Osthofen inhaftiert waren, befanden sich zahlreiche Juden. Ein Teil von ihnen wurde wie die meisten nicht-jüdischen Häftlinge in „Schutzhaft“ genommen, weil sie als Anhänger der KPD, SPD, des Reichsbanners, der Gewerkschaften oder anderer Gruppierungen der Arbeiterbewegung aktiv den Aufstieg der NSDAP bekämpft hatten. Andere wurden Opfer von antisemitischen Racheakten, motiviert durch persönliche Feindschaften, Rivalität, Neid oder ökonomische Interessen. Im August 1933 rief der hessische Polizeipräsident Werner Best öffentlich dazu auf, Juden in das KZ Osthofen zu bringen, wenn sie „die gebotene Zurückhaltung außer Acht“ ließen. In der Folgezeit kam es zu vermehrten Denunziationen und Verhaftungen von jüdischen Männern, denen vorgeworfen wurde, dass sie sich nicht-jüdischen Mädchen „unsittlich genähert“, sich negativ über die nationalsozialistische Regierung oder einzelne Nationalsozialisten geäußert oder sich „unsozial“ verhalten hätten. Der Antisemitismus, der schon in der Weimarer Republik immer wieder zu verbalen und tätlichen Angriffen auf Jüdinnen und Juden geführt hatte, konnte nun offen gezeigt werden und wurde von großen Teilen der Bevölkerung akzeptiert.

Nicht zuletzt der Aufruf des Polizeipräsidenten war der Grund dafür, dass im KZ Osthofen mehr jüdische Männer inhaftiert waren als in den meisten anderen frühen Konzentrationslagern. Von den derzeit ca. 1.850 namentlich bekannten Häftlingen waren mindestens 152 jüdischer oder „halbjüdischer“ Abstammung. Dies entspricht einem Anteil von etwas mehr als 8 %. Tatsächlich wird der Anteil der Juden im Lager noch deutlich höher gewesen sein. Der ehemalige Häftling Hermann Hertz sagte 1946 aus, dass allein im Mai 1934 200 jüdische Geschäftsleute aus Worms eingeliefert worden seien.

Zeitzeugenaussagen von jüdischen und nicht-jüdischen Häftlingen belegen, dass die jüdischen Häftlinge im KZ Osthofen besonders brutal und erniedrigend behandelt wurden. Demütigungen, Fußtritte und Prügel waren an der Tagesordnung. Der Pferdehändler Ernst Katz aus Hungen wurde am jüdischen Feiertag Jom Kippur, einem Fastentag, von Wachleuten bewusstlos geschlagen, weil er sich weigerte, Schweinefleisch zu essen. In einem mit Stacheldraht eingezäunten „Käfig“ auf dem KZ-Gelände wurden jüdische Häftlinge von den Wachleuten gezwungen, so lange im Kreis zu laufen, bis sie vor Erschöpfung zusammenbrachen. Die größte Schikane war das Leeren der Gruben unter den Plumpsklos. Für diese Arbeit wurden fast ausschließlich jüdische Häftlinge eingeteilt. Mit Blechbüchsen, ihrem Essgeschirr oder bloßen Händen mussten sie die Latrinen reinigen. Manche Wachmänner hatten Spaß daran, den Häftlingen ein Bein zu stellen oder sie zu treten, so dass sie in die eklige Brühe fielen. Jüdische Häftlinge waren auch häufig länger inhaftiert als andere.

Die Haft im KZ Osthofen war für die jüdischen Männer und ihre Familien der Beginn einer Zeit, die von Ausgrenzung, Gewalt und wirtschaftlichem Ruin geprägt war. Die meisten verloren ihre Anstellung oder wurden daran gehindert, ihr Gewerbe weiter fortzuführen und gerieten dadurch in finanzielle Not. Freunde und Bekannte wandten sich von ihnen ab, Vereine, Berufsverbände und Einrichtungen des öffentlichen und gesellschaftlichen Lebens schlossen sie aus. Einige wurden Opfer der Gewaltexzesse in der Reichspogromnacht 1938.

Von den 152 bislang namentlich bekannten Männern jüdischer oder „halbjüdischer“ Abstammung, die im KZ Osthofen inhaftiert waren, starben 42 in Vernichtungs- und Konzentrationslagern oder in Ghettos oder sind seit ihrer Verschleppung in den Osten verschollen. 8 starben schon vor der Deportation, einige davon aufgrund von Folgeschäden der Haft in Osthofen, erlittenen Misshandlungen in der Reichspogromnacht oder durch Suizid. 60 gelang die Auswanderung, die meisten gingen in die USA (33) oder nach Israel (12). 7 gelang es, sich der Verfolgung zu entziehen und sich zu verstecken, oder sie blieben verschont, weil sie mit Christinnen verheiratet waren. Nur einige wenige der Überlebenden entschieden sich nach 1945 wieder in Deutschland zu leben. Zum Schicksal von 35 Männern liegen bislang noch keine Informationen vor.
 

Biographien:

Ludwig Ebert

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